Mittwoch, 30. November 2011

Blickfang: Standbau

An der Design-Messe Blickfang stellten auch mein Bruder Sjoerd und die Uhrenmanufaktur Ochs und Junior ihre Produkte im Kongresshaus aus. Ich packte beim Auf- und Abbau der Stände mit an.

Unterm Namen Blickfang findet seit einigen Jahren eine Messe für junge Designer statt - inzwischen nicht nur in Zürich, sondern zum Beispiel auch in Wien und Stuttgart. Diese Messe bietet einem designinteressierten Publikum die Gelegenheit, neue Produkte (von Kleidern bis zu Möbeln, von Schuhen bis zu Badewannen) zu entdecken und gleich vor Ort zu kaufen.  Für dieses Jahr hatte mein Bruder für seine Firma Double Dutch sowie für die Uhrenmanufaktur Ochs und Junior einfache Stände bei einem befreundeten Schreiner in Auftrag gegeben: Je vier Bretterwände als Rückseite, dazu Bodenelemente aus Planken, dazu noch eine Metallstange für die Beleuchtung und einen eigens gezimmerten Korpus mit verglaster Auslage für die Uhren.


Dies alles und dazu diverse Ausstellungsstücke karrten wir per Lieferwagen und Anhänger nach Zürich. Wobei es einige der Ausstellungsstücke in sich hatten: So wiegt der Stonestove aus Stahl und Beton-Gusselementen mal eben 400 Kilogramm (hinten im Bild oben zu sehen) - also mussten wir das Teil in seine Einzelteile zerlegen und so verladen. Dafür war beim klassischen Kachelofen in Schneewittchen-Weiss Sorgfalt gefragt: Die einzelnen Keramikkacheln mussten am eigentlichen Ofen befestigt und nach der Messe wieder einzeln in Schutzfolie verpackt werden. Molto fragile!


Am Donnerstag Nachmittag war von etwa 15 bis 21 Uhr der Aufbau der beiden Stände angesagt, die Messe dauerte von Freitag bis Sonntag Abend. Also trudelte ich am Sonntag kurz vor 19 Uhr wieder in Zürich ein, und innert dreier Stunden war alles wieder abgebaut und in Bus und Hänger verstaut. Zum Glück bekamen wir um 22 Uhr im Hiltl noch was zu beissen, ehe wir uns um 23 Uhr wieder auf den Rückweg machten. Das heisst: Von Zürich nach Frauenfeld, wo der Hänger entladen werden musste, dann nach Aadorf, um den geliehenen Hänger beim Besitzer abzustellen, und schliesslich nach Winterthur, wo mich mein Bruder Sjoerd kurz nach 1 Uhr nachts wieder vor der Haustür abstellte.


Ach ja: Dieses eindrückliche Exemplar eines frischen Hundehaufens lag gleich ums Eck beim Kaufleuten, also an einer der besseren Adressen Zürichs, und dann noch vorm Schaufenster einer nicht günstigen Boutique. Muss ein etwas grösserer Hund gewesen sein - und ein Schwein von einem Herrchen oder Frauchen, das sich zu gut war, um mit einem Robbidog-Säckchen rumzufuchteln.

Samstag, 26. November 2011

Gesucht: Eine neue Kamera

Der jüngste Ausflug nach Taiwan hat mir einmal mehr gezeigt: Meine kleine Canon Ixus reicht für die Arbeit nirgends hin. Also muss eine neue, hochwertige Digitalkamera her. Gut genug für schwierige Lichtverhältnisse, klein genug, um sie immer zu Hand zu haben. Und mit der Option, in die Automatik einzugreifen, wenn diese kein gutes Bild liefert.

Nach einigen Recherchen im Web stand ich vor der Wahl zwischen der neuen Generation spiegelloser Systemkameras (Sony NEX-Serie, Nikon 1 und Konsorten) oder einer Premium-Kompaktkamera mit Zoom-Objektiv wie der Nikon Coolpix 7100 oder der Canon Power Shot G12. So viel diese beiden Kameras können, so hässlich sind sie auch beide, mit ihren scheinbar nach dem Zufallsprinzip angeordneten Regelrädchen und Knöpfen auf der Rückseite der klobig-grobschlächtigen Gehäuse.


In Taiwan hatte ich bereits die Preise der Sony NEX-Modelle überprüft und gesehen, dass kaum ein Vorteil gegenüber der Schweiz besteht. Also kam ich von der Idee ab, gleich vor Ort eine neue Kamera zu kaufen. Nach einer Diskussion mit einem Foto-Profi war auch klar, dass eine Premium-Kompaktkamera mit manuellen Optionen und möglichst grossem Sensor für mich die sinnvollste Lösung wäre. Und nach einigen weiteren Recherchen stiess ich auf die "FinePix X10" von Fuji.


Diese erst vor wenigen Wochen auf den Markt gekommende Kamera hat einen grösseren Bildsensor als alle anderen Kompakten, begnügt sich im Interesse der Rauschunterdrückung dennoch mit 12 Megapixeln, macht dank dem gelungenen Retro-Design auch optisch eine gute Falle und erlaubt die Montage eines externen, schwenkbaren Blitzes (wichtig fürs Ablichten von Alltagsrädern mit reflektierenden Seitenwänden an den Reifen).


Dennoch bleibt die "FinePix X10" von den Abmessungen her in einem Rahmen, der als "allzeit griffbereit" gelten darf - und auch die 350 Gramm Gewicht liegen noch drin. Schwerer als meine momentane Kamera, aber dafür kann das Teil auch eine Menge mehr. Wenn nun ein Apple-Fanboy meint, dass man doch heutzutage dank der 8MP-Kamera im iPhone 4S keine Digi-Cam mehr brauche, kann ich nur laut lachen. Die Handy-Kameras reichen für Facebook, aber sicher nicht für eine Printverwendung mit 300dpi Auflösung.


Da ist für die Arbeit was besseres Pflicht - und die "FinePix X10" erscheint mir im Moment als die erste Wahl bei den Kompakten, die meinen Kriterien entsprechen. Also ist Sparen angesagt, um die 630 Franken für die Kamera beisammen zu bekommen.

Freitag, 25. November 2011

Taipeh: Tourist's Tour de Force

Nach dem Pflichttermin beim 101 Tower machte ich mich mit Lyn aus L.A. und Tobias auf den Weg, um ihnen so viel wie möglich von Taipeh innert weniger Stunden zu zeigen. Die Tour de Force in Stichworten: Ximending Shopping Area, Longshan Temple, Snake Alley und Chiang Kai-Shek Memorial Hall.

Der Rohbau eines neuen Hochhauses im Juni (oben) und im November 2011 (unten).

Nach dem Imbiss im Food Market des 101 Tower zog es einen Teil der Journalisten zur Camera Alley, einer Gasse mit lauter Foto-Spezialgeschäften (auch bekannt als Hankou Street). Nico und Fabio mussten zurück ins Hotel, und Lyn und Tobias schlossen sich mir an. Auf dem Weg zur U-Bahn-Station Taipei City Hall machte ich noch ein Foto vom Rohbau eines neuen Hochhauses, das ich schon im Juni abgelichtet hatte (oberes Bild). Nicht schlecht, wie viel weiter die Taiwanesen innert 5 Monaten gekommen sind.

 
 
Mit der MRT flitzten wir ohne Umsteigen zur Station Ximen und standen kurz darauf vor dem Eingang von Taipehs grösster und ältester Fussgänger- und Shoppingzone Ximending. Im Web hatte ich gelesen, dass Taipeh hier am meisten Tokyo und dessen Bezirk Shibuya gleiche, also war dies für mich ein Pflichttermin. Zumal ich noch einen billigen, grossen Koffer finden musste und die Ximending Shopping Area dafür der richtige Ort war. Prompt wurde ich für 1700 NT$ fündig, etwa 50 Franken kostete mich der Kingsize-Koffer mit Rollen, gross genug für meinen kleinen Rolli und alle Geschenke mit Ausnahme des Mülleimers und der Ricecakes der Stadt Taichung.

 Die Autoren im Web hatten nicht zu viel versprochen: Schon am späten Freitag Nachmittag begannen sich die Gassen in Ximending zu füllen, Musik und Werbeslogans schepperten aus den Lautsprechern der Geschäfte und auf Grossleinwänden an den Fassaden wurden Produkte beworben. Wir schlenderten durch die Gassen der Fussgängerzone, ehe wir die grosse Cheng-Du Road querten und uns das "Red House Theatre", einen markanten, achteckigen Backsteinbau für Theateraufführungen und Konzerte, aus der Nähe anschauten.

 
 
Die vielen Kneipen mit Tischen und Stühlen auf dem Platz hinterm "Red House Theatre" lassen für warme Sommerabende ein pulsierendes Leben erwarten - wir waren dafür aber noch schlicht zu früh unterwegs. Aber für den nächsten Taipeh-Aufenthalt ist diese Ecke schon einmal vorgemerkt.
 
 
Von Ximen aus fuhren wir mit der MRT eine Station weiter zum Longshan-Tempel, dem grössten und ältesten Tempel auf dem Gebiet der Stadt Taipeh. Dort angekommen, stolperten wir in eine grössere, religiöse Zeremonie: Der Duft von Räucherstäbchen hing schwer in der Luft, in Gelb gewandete Damen verbrannten Papierschnitzel, sogenanntes "ghost money", und an diversen Stände vor dem Tempel wurden Opfergaben aller Art zum Kauf angeboten.

 
 
 
Auf dem Vorplatz tanzten Gläubige im Kreis, singend und klatschend um weitere Opfergaben, und im Tempel selbst war die Zeremonie in vollem Gange. Die einen sangen in Gruppen Mantras und klatschten im Takt in die Hände, andere sonderten sich ab und beteten leise für sich. Leise und respektvoll verfolgten wir für einige Minuten das Geschehen, ehe wir den Longshan-Tempel durch einen Seitenausgang verliessen.

 Auf Bitte von Lyn machten wir uns als nächstes auf zum Huaxhi Night Market, bekannter als Taipeh's Snake Alley. Einige der Stände an dieser überdeckten Gasse haben sich auf die Zubereitung von Schlangen-, Krokodil- und Schildkrötenfleisch spezialisiert, und die Tiere harren in Terrarien oder Käfigen der Dinge, die noch kommen mögen. Schon dies nahm Lyn ziemlich mit. Den Rest gab ihr dann eine halb aufgeschlitzte Schildkröte, die sich in der Auslage noch bewegte - kein schöner Anblick.

 
 
Um auf andere Gedanken zu kommen, schlug ich darum vor der Rückkehr ins Hotel noch einen Abstecher zum Chiang Kai-Shek Memorial vor, einem weiteren Wahrzeichen Taipehs. Zwar war es inzwischen dunkel geworden, aber ich war auf die Beleuchtung des Memorials und des dazugehörenden Parks gespannt. Zurecht, wie sich zeigen sollte: Das Eingangstor, das National Theater und die Concert Hall, die sich um den Liberty Square gruppieren, waren alle schön ausgeleuchtet.


Zudem bevölkerten noch eine Menge grosser Skulpturen den Park zwischen dem Liberty Square und der eigentlichen Memorial Hall für den umstrittenen Landesvater Taiwans, Chiang Kai-Shek. Diese Skulpturen lockerten die gestalterische Strenge des Parks rund um die Memorial Hall ein wenig auf. Aber auch beim zweiten Besuch verfehlte dieser Monumentalbau mit seinen dicken Beton- und Marmormauern die intendierte Wirkung nicht: Dafür zu sorgen, dass man sich als Mensch sehr, sehr klein fühlt.






 Wie wir die letzten Stufen der Treppe hinauf zum Mausoleum hinter uns brachten, fiel mir auf, dass sich niemand mehr im Mausoleum selbst aufhielt. Also auch keine Wachen in Paradeuniformen und mit blitzblank polierten, verchromten Helmen. Statt dessen stand ein einzelner Wachmann vor dem Eingang. Gleich darauf wurde klar, warum dem so war: Um punkt 18 Uhr setzten sich die schweren Metalltore des Mausoleums in Bewegung - der Bau wurde für die Nacht geschlossen. Was auch für mich etwas war, das ich so noch nicht gesehen hatte.
Auch in Taipeh ein leidiges Thema: Der Diebstahl von Fahrrädern.

Trotz Stossverkehrs in der U-Bahn und einem kleinen Fehler (eine Station zu weit gefahren und nochmals retour) traf unsere Dreiergruppe fünf Minuten vor sieben Uhr im Hotel United ein - rechtzeitig fürs Abendessen in einem thailändisch-malayischen Restaurant. Noch einmal griffen wir beherzt zu, ehe die Kollegen sich mit der Rolls Royce-Limousine zum Flughafen chauffrieren liessen.
Selbst nahm ich den High Speed Railway - und kam dabei noch einmal auf die Welt: Offensichtlich wollte kurz vor neun Uhr abends die halbe Stadt Taipei verlassen, die Kolonne am Ticketschalter wie an den Automaten war lang. So verpasste ich einen Zug - und weil ich nicht mit EVA Airlines, sondern mit China Airlines flog, konnte ich auch mein Gepäck nicht gleich am Bahnhof Taoyuan einchecken.

Auch so war ich noch locker rechtzeitig am Flughafen, bloss ging der Flieger nach Frankfurt vom alten Terminal 1 aus ab. Somit gab es keinen 7-Eleven für ein letztes Bier und einige Onigiris, kein WLAN an den Gates und auch sonst nur wenige Dutyfree-Shops. Also kam ich mit 900 NT$ im Portemonnaie in Europa an. Aber ich hab so das Gefühl, dass ich auch dieses Geld bald ausgeben kann.

Mittwoch, 23. November 2011

Mehr Schnappschüsse aus Taipeh

Den letzten Tag in Taiwan hatten wir zur freien Verfügung - sowie das Hotelzimmer geräumt war, zumindest. Was folgte, war eine Sightseeing-Tour de Force in Taipeh. Dabei diente ich als Guide, entdeckte aber auch Dinge, die für mich neue waren.

 Um 12 Uhr versammelte sich die vereinigte Journalisten-Schar in der Lobby des Hotels United, wo wir die Nacht verbracht hatten (bei einigen waren es nur wenige Stunden, weil sie im 7-Eleven ums Eck nochmals kräftig auf den Putz gehauen hatten). Zum Glück konnten wir unser Gepäck beim Concierge deponieren und nur mit leichter Bepackung in die Stadt ziehen.  Beim Blick aus dem Hotelfenster sah ich zunächst einmal nur eines: Eine veritable Grossbaustelle inmitten von Taipeh - und das bei den exorbitanten Bodenpreisen.

Den mit einem Reddot-Designpreis ausgezeichneten Mülleimer mit 12 Litern Fassungsvermögen, den wir bei DK City als Geschenk erhalten hatten (wie praktisch, für Economyclass-Passagiere), liess ich wie viele andere im Hotelzimmer zurück. Das Teil machte unterm TV-Tisch eine hervorragende Figur, Feng Shui in Vollendung, sozusagen. Und eine Aufwertung fürs Hotelzimmer, denn die sonstigen Mülleimer waren lieblose Plastikkübel ohne jeden Anspruch auf Design.

 Zu Fuss machten wir uns auf den Weg in Richtung 101 Tower, für den wir alle von der Taitra einen Gratis-Eintritt für die Aussichtsplattform auf 480 Metern erhalten hatten - nebst einer Prepaid-Karte für die MRT, die ebenso praktische wie hochtechnisierte U-Bahn Taipehs. Und weil das Sun Yat- sen-Memorial aufm Weg lag, war auch dies eine Pflichtstation. Die Karpfen in den Teichen des Parks waren diesmal weniger verfressen als auch schon, dafür waren eine Menge Wasserschildkröten zu sehen.
 


Aufm Weg zum 101 Tower fiel uns aufm Radweg vor der City Hall dieser Regenwurm auf: Selbst diese Viecher sind in Taipeh wie fast alles einen Tick grösser als in Europa. Das war für das arme Tier aber kein Vorteil: Lang und langsam zu sein sind schlechte Attribute, um eine Verkehrsachse unversehrt zu queren.

Das gelang uns schon besser, und so wurden wir kurz darauf mit 1010 Metern pro Minute in den 89sten Stock des 101 Tower befördert (siehe Filmchen). Die Fahrt von 50 auf 480 Meter Höhe dauert keine 40 Sekunden, ein Erlebnis für sich.

video

Leider war es auch diesmal zu windig, um auf die Freiluft-Aussichtsplattform des Turms gelassen zu werden - wir mussten uns mit der verglasten Gallerie zufrieden geben. Auch die Fernsicht war nicht ungetrübt, aber die Wolkenfetzen sorgten für eine reizvolle Abwechslung im Panorama: Das Häusermeer der Stadt schien in der Ferne nicht endlos auszufransen, sondern in den Wolken zu verschwinden.


Nachdem wir uns Taipeh aus 480 Metern angeschaut hatten, machte sich ein Teil der Journalisten auf den Rückweg ins Hotel: Die Flüge nach Paris beziehungsweise Rio de Janeiro gingen schon am späten Nachmittag beziehungsweise frühen Abend, also war für Fabio und Nicolas die Zeit in Taipeh abgelaufen. Uns blieb dagegen noch weit mehr Zeit, denn der Flug nach Frankfurt verliess Taiwan erst um 23:55 Uhr.

Freitag, 18. November 2011

Tapei by Night: Shida Nightmarket

Während sich das Gros meiner Berufskollegen am Donnerstag Abend zum Shilin-Nachtmarkt aufmachte, hatte ich andere Pläne: Mich zog es zum Shida-Nachtmarkt, etwas kleiner als der von Shilin, nah an der Normal University und mit betont internationalem Flair.

[Anmerkung des Autors: Ursprünglich hatte ich den Nightmarket als "Shintan" bezeichnet - inzwischen wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass "Shida Nightmarket" korrekt ist.]


Als wir kurz nach sechs Uhr abends nach dem Ende des "Pflichtprogramms" der TAITRA-Mediatour mit dem Reisebus Taipeh erreichten, war es bereits dunkel. Daher bot sich beim Blick aus meinem Hotelzimmer im 14. Stock ein majestätisches Bild: Der Tapei 101 kommt im Dunkeln noch besser zur Geltung. Und überragt alle anderen Hochhäuser so was von deutlich, ein Landmark Building halt.

Kurz nach sieben Uhr machte ich mich zu Fuss auf den Weg zu diesem über 500 Meter hohen Wahrzeichen Taipehs. Dort checkte ich im Kellergeschoss kurz die Preise von Sonys NEX-Kameras ab - und musste fest stellen, dass diese in Taiwan nicht günstiger als in der Schweiz sind. Dass der Taipei 101 nachts auch die grösste und am besten sichtbare Werbefläche der Millionenstadt ist, zeigt der "Cartier"-Schriftzug.

Lange blieb ich nicht im Turm, denn mein Ziel lag ein Stück weiter. Also fuhr ich mit der Metro zum Hauptbahnhof von Taipeh, wo mir eine Werbung des Jeans-Herstellers Lee mit Radler und dem Spruch "The city is mine" ins Auge stach - naja, noch geben die Scooter den Ton an (wortwörtlich!), aber wer weiss, was noch kommt?

Im Gewusel des abendlichen Stossverkehrs ging es mit der MRT weiter bis zur Haltestelle Taipower Building. Von dort aus ist man im Nu am Shida-Nightmarket, den ich bis dato noch nie besucht hatte (anders als der Shilin Nightmarket, den ich mir schon mindestens fünf Mal gegeben habe). Erste, mobile Verkaufs-Stände mit integrierter Küche am Rand einer stark befahrenen Strasse wiesen mir den Weg: Wie so oft in Taiwan gilt das Motto "folge den Lichtern, wenn Du Ramba Zamba willst".

Ich tat genau das, und bald zweigte eine erste, engere Gasse mit mehr Volk ab. Und von dort eine weitere Gasse mit noch mehr Leuten. Bald fand ich mich in einem Gewirr schmaler Gassen mit noch schmaleren Kleider-Boutiquen wieder: Eine Tür, ein schmales Schaufenster und dahinter ein Ladenlokal, das weit in die Tiefe reicht. Erinnert irgendwie an Amsterdam, bloss noch gedrängter.

Also immer weiter rein ins Gewirr der Gassen, den Lichtern und der Nase nach, und bald fand ich mich mitten im Gewühl wieder. Selbst hatte ich bereits im 7-Eleven eine übergrosse Heineken-Büchse (0.72 Liter, was für ein Mass...) und zwei Onigiri-Reissandwiches gezogen und verpflegte mich so mobil, während ich die Eindrücke dieses Nachtmarktes in mich aufsog - mit allen Sinnen.

Tatsächlich waren in Shida markant mehr Nichtasiaten unterwegs als jeweils am Shilin-Nachtmarkt, und für deren Geschmack gab es vom italienischen Lokal "Dr. Pasta" über die Bar "Renoir" (wohl mit Kunststudenten als Zielpublikum) bis zu eindeutig britisch oder belgisch angehauchten Pubs das jeweils passende Angebot.
 
Statt Jahrmarkt-Feeling mit Lämpchen und Schiessbuden bestimmten viele, teils sehr abgefahrene Mode-Boutiquen das Bild. Asiatische Punkgören finden bei "Rock Candy" alles, was das Herz begehrt - leicht abgewetzt, sehr abgedreht.  Die Verkäuferin mit ihren kurzen, gebleichten Haaren, im Bild nur noch knapp unter dem Abzug von Warhols Monroe-Portrait zu sehen, passte da ins Bild.

 Dagegen ist beim Shop "minimal" der Name Programm: An einer abgeschrägten Ecke zwischen zwei Gassen gelegen - und zwar nur an der Ecke - war dies der flächenmässig kleinste Shop, der mir zu Augen kam. Damit die Kunden Platz haben, sich in Ruhe umzuschauen, wartete die Verkäuferin draussen auf der Strasse - und pries dort auch gleich ihre Ware an.

Ich liess es mir natürlich auch nicht nehmen, einigen der Gassenköche über die Schulter zu blicken - schliesslich zelebrieren die Taiwanesen auf Nightmarkets die Zubereitung genauso wie den Verzehr der Speisen. Dabei wird das ganze Tier verzehrt, also vom Schwein nicht nur die Filetstücke oder die Ribs, sondern auch die Schnauze und die Pfoten, vom Geflügel auch Kopf und Krallen. Gewiss gewöhnungsbedürftig, aber auch nicht schlechter, als wie in Europa drei Viertel eines geschlachteten Tiers als Abfall zu entsorgen


Ach ja: Wer in Taipeh auf der Suche nach belgischen Spezialbieren ist, der ist beim Shida Nightmarket genau richtig. Was das "Cafe Bastille" per Leuchtreklame verkündet, ist kein leeres Versprechen. Das beweisen die aufgereihten Flaschen, unter denen sich einige Juwelen befinden. Und auch der leere "Duvel"-Karton zeigt, dass dieses belgische Starkbier in Bars dieses Viertels zu haben ist.

Um noch mit der MRT (Metro) zurück zum Hotel zu kommen und nicht auf ein Taxi angewiesen zu sein, machte ich mich kurz nach elf Uhr auf den Rückweg. Zunächst einmal bis zur Haltestelle "Taipei City Hall", wo ich in einem 7-Eleven nochmals ein Bier kaufte und staunend den in den vergangenen fünf Monaten weit gediehenen Rohbau des "Tapei Financial Center" betrachtete. Wenn die Taiwanesen loslegen, geht es eben Ratzfatz, da bleibt kein Auge trocken. Schaffiges Völkchen.

Weiter ging es zu Fuss in Richtung Hotel "United", unserer Unterkunft. Unterwegs schmunzelte ich über die etwas eigenartige Art und Weise, wie kleine Bäumchen mit blauen LEDs behängt werden, um Weihnachtsstimmung zu erzeugen. Da es grad mal Mitternacht war, legte ich noch eine Ehrenrunde ein - und merkte, dass ich genau diese Ecke der Stadt vor drei Jahren bei meinem allerersten Besuch in Taipeh am ersten Tag schon einmal durchwandert hatte - damals auf dem Weg vom Hotel "Aurora Garden" zum Taipei 101.

 Wie ich die futuristische Zentrale des TV-Senders "CTV" passierte, wurde ich Zeuge eines Falls von Fahrerflucht: Ein Autofahrer unterschätzte in einer Seitengasse die Breite seiner Karre, streifte einen abgestellten Scooter und demolierte diesen nachhaltig. Der Fahrer liess sich nichts anmerken und fuhr ungebremst weiter. Tja, ein lärmiger und stinkiger Scooter weniger, nur bedingt ein Verlust für die Lebensqualität in Taipeh. Zumal es ein hässlicher, moderner Scooter war, der dran glauben musste.

Bei diesem leicht angerosteten Bijou, das ich wenige Minuten zuvor photographiert hatte, hätte mich der von mir beobachtete Unfall weit mehr aufgewühlt: Eine echte Piaggo Vespa mit Einzelsitzchen, wenn auch der zweite Sitz nicht original ist. Trotz grossflächig angreifendem Flugrost zeitlos schön (wenn auch kaum weniger laut oder stinkig), das Teil.