Montag, 15. Oktober 2012

Lost in Transit - wenn Reisen zur Qual wird


Wenn Leute als Hobby "Reisen" angeben, meinen wohl die wenigsten das zweifelhafte Vergnügen, in vollen, eng bestuhlten Billigfliegern von A nach B befördert zu werden, an Flughäfen Zeit tot zu schlagen oder sich von Security-Knilchen schikanieren zu lassen.

"Der Weg ist das Ziel" kann nicht das Motto der Billigflieger sein. Denn es ist nicht nur deren karge Bewirtschaftung während des Flugs und die besonders enge Bestuhlung, die Flugreisen zu einem fragwürdigen Vergnügen macht: Es sind vor allem die irren Flugrouten mit Zwischenlandungen und daraus resultierenden Wartezeiten an Hub-Flughäfen, welche einen ganzen Tag verschütt gehen lassen. Und nicht nur das, wie sich noch zeigen wird.

Defekte Automaten, miese Anzeigen und Schikanen
Aber immer schön der Reihe nach: Für das Presscamp von Pearl Izumi war ich nach Sardinien eingeladen. Die etwas irre Flugroute via Wien und Rom liess die Hinreise schon am Freitag Morgen um 5 Uhr in der Früh beginnen. Um halb sechs Uhr am Flughafen Zürich angekommen, verweigerten die Automaten für den Self-Checkin den Betrieb. Air Berlin konnte mich dann nicht einchecken, weil der Flug von NikiAir abgewickelt wurde - Codesharing halt, aber aus dem eTicket nicht ersichtlih. Wo der NikiAir-Schalter zu finden war, verrieten die Info-Tafeln nicht.

Ein Billigflieger in der Abendsonne - Szene vom Hinweg, Roma Fiumicino.

Darum musste ich mich am Informationsschalter durchfragen, konnte endlich einchecken und sah mich am Safety Gate einem ausnehmend unfreundlichen Uniformierten gegenüber. Der nahm mir prompt die Zahnpaste ab, weil deren Behältnis zu gross sei - 125 statt der erlaubten 100ml. Dass die Tube nur noch halb voll war und damit etwa 70ml Inhalt gegeben waren, liess er nicht gelten: Er stellte nur auf die Zahl auf der Tube ab. Statt dessen drohte er mit, dass ich mich auch gerne noch einmal hinten anstellen dürfe, falls ich seinen Anweisungen nicht umgehend Folge leiste. Ein Arsch in Uniform, und das um fünf vor Sechs in der Früh. Genau was ich brauchte.

Free WLAN in Wien, aber nicht in Rom
Nach diesem Aufreger verlief der Flug nach Wien ohne Zwischenfälle. Weil auch der Flug nach Rom von NikiAir abgewickelt wurde, waren meine Wege im Flughafen Wien selbst ultrakurz, und zu meiner Überraschung gab es sogar Gratis-WLAN. Dafür kaum Steckdosen an den Gates, aber mit der Batterie des MacBook Pros war das kaum ein Problem. Auch der Flug nach Rom war pünktlich, so dass ich um 10.40 Uhr in der ewigen Stadt ankam - und das schier ewige Warten auf den nächsten Flug beginnen konnte.

In Wien Schwechat wie in Roma Fiumicino (Bild) Mangelware: 
Steckdosen, vor allem an den Gates.

Für Fans italienischer Luxus-Labels mag der Flughafen Roma Fiumicino seinen Reiz haben. Das beste, was ich darüber sagen kann, ist folgendes: Die Leute am Info-Schalter sind freundlich und kompetent. Und die Angestellten der Cafés mit den wenigen Steckdosen (abgesehen von solchen fernab von jeglichen Sitzgelegenheiten und Gates) nerven nicht, wenn man nicht alle 30 Minuten wieder etwas bestellt. Schliesslich standen mit acht Stunden Aufenthalt bevor. Zum Glück hatte ich genug zu tun, aber dabei gab es ein Hindernis: Das vom Laptop erkannte "Free Public WiFi"-Netz funktionierte nicht.

Wie man die Zeit tot schlägt - Szene aus einer Snackbar.

Harte Stühle, Verspätungen und stickige Busse
Und die Metall-Stühle an den Gates wären in einem Hochsicherheitstrakt sicher sinnvoll, in einem Flughafen sind sie aber ein "pain in the ass", und zwar wortwörtlich. Rund eine Stunde vorm Abflug in Richtung Olbia checkte ich am Schalter der Alitalia-Tochter Meridiana ein. Die Dame am Schalter fragte nach der Quittung fürs Gepäck, die ich vorzeigen konnte. Zur Sicherheit fragte ich nochmals, ob die Sporttasche mit meiner Bike-Ausrüstung auch wirklich durchgecheckt sei bis Olbia. Dies sei der Fall, wurde mir beschieden. 

Das Ende der Warterei zeichnet sich ab...
Mein Flug war IG1124.

Also schlug ich noch einmal 40 Minuten lang die Zeit tot, bis das Boarding des Flieger begann. Statt gleich zum Rollfeld zu fahren, mussten alle Passagiere nochmals 20 Minuten in einem unklimatisierten, stickigen Bus ohne Sitzplätze warten, ehe es in der Abendsonne zur MD82 ging. 

Der dritte Flug des Tages: Roma Fiumicino - Olbia Costa Smeralda.

Dank dem iPod bekam ich nicht so viel vom Geheul eines reisemüden Kindes mit, und gegen Ende des Fluges kam ich noch mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch: Ein Pilot von Meridiana in Uniform, der sich als Mountainbiker heraus stellte. Ein schöner Zufall. Doch damit war es mit dem schönen auch schon wieder vorbei. 

Erste Station nach der Ankunft: Baggage Claim am Flughafen Olbia.

Murphy's Law, angewandt auf Flugreisen
Denn am Fliessband wartete ich vergeblich auf meine Sporttasche. Wie auch eine junge Familie mit Kind aus Finnland und ein älteres Paar. Und Ilkka, ein Velo-Journalist aus Finnland, der wie ich auf dem Weg zum Presscamp von Pearl Izumi war. Also stellten wir uns am Lost & Found-Schalter an, gaben alle Angaben zu unseren Gepäckstücken an, füllten zwei Formulare aus, erhielten eine Quittung mit der Telephon-Nummer des Schalters und begaben uns dann leicht genervt zur Ankunftshalle. Dort wartete unser Chauffeur, der uns in einem Nissan Micra ins Club Hotel Torre Moresca bei Orossei brachte. 

Unfreiwilliger zweiter Stopp: Lost & Found Office,
auch bekannt als "die armen Schweine, die den 
Stumpfsinn von Roma Fiumicino ausbaden müssen".

Dort angekommen, wurde das Abendessen schon abgeräumt. Mit Mühe konnten wir uns noch einen Salat sowie etwas Lasagne und Risotto sichern. Nach 15 Stunden mühseliger Reiserei schlangen wir hastig etwas in uns hinein, holten an der Reception die Schlüssel unserer Zimmer ab und stellten unser Kabinengepäck im Zimmer ab. Danach begaben wir uns an die Bar, um den Reisestress mit einigen Bierchen wegzuspülen. Am Samstag (die Details zum Tagesprogramm folgen in einem zweiten Posting) rief Ilkka sechs Mal am Flughafen an, um zu erfahren, ob die Gepäckstücke inzwischen gefunden worden seien. 

Aus Zumutung wird Chaos
Um halb sechs Uhr bekam er endlich Bescheid: Ja, die Tasche sei aufgetaucht und werde am Abend mit dem letzten Flieger aus Rom angeliefert, und der lande um 22.25 Uhr. Von da an habe ein Kurier 24 Stunden Zeit, die Tasche zu uns ins Hotel zu fahren. Als ich das hörte, war ich leicht angefressen. Also rief ich selbst beim Flughafen Olbia, Abteilung Lost Luggage, an und bekam nach 5 Minuten in der Warteschlaufe die selbe Antwort. Als ich die Dame fragte, ob ihr der Ausdruck "as fast as possible" ein Begriff sei, verneinte sie. Auch meine Ansicht, dass das ein himmeltrauriger Service sei, konnte sie nicht nachvollziehen.

Ja, ich hatte eine Badehose eingepackt - leider in die Sporttasche.

Da wir am Sonntag bereits um 10.45 per Shuttle-Bus zurück zum Flughafen mussten, teilte ich der Dame wie zuvor schon Ilkka mit, dass sie die Tasche am Flughafen behalten solle. Ich würde sie dort am kommenden Tag vor der Abreise abholen. Nun, am kommenden Tag war zwar meine Tasche da, aber nicht die von Ilkka. Immerhin hatte der das "Glück", auch auf der Rückreise nochmals 6 Stunden am Flughafen Rom zu verbringen. Eine Gelegenheit, um seine Tasche doch noch zu finden [Update: Ilkka meldet soeben aus Helsinki, dass die Tasche auch nicht in Rom war, aber heute via Zürich nach Helsinki gehe - mal schauen, ob das diesmal stimmt]. Wieder mit meinem Gepäck vereint, packte ich noch einige Sachen aus dem übervollen Rucksack in die Sporttasche, zog ein frisches T-Shirt an und machte mich auf zum Check-In.

Bei der Abreise in Olbia wieder bekommen: Meine Sporttasche, behängt mit Badges.

Glatte Lügen statt Service
Die Kolonne war nicht allzu lang, an zwei Schaltern wurden die Passagiere des Air Berlin-Fluges nach Zürich abgefertigt. Gleichwohl wurde noch ein dritter Schalter eröffnet, "per Zurigo", weil die Zeit bis zum Abflug langsam knapp wurde. Ich stellte mich dort hinter zwei Schweizer an, die mit dem gleichen Flieger nach Zürich mussten. Während diese beiden den Check-In ohne Probleme passierten, konnte die Dame mich nicht im System finden: "Ay-ah cannotah find you name inn-ah da system" bekam ich zu hören. Das stiess mir nach all dem Elend mit dem Gepäck nun doch gewaltig auf. Auf meine angesäuerte Nachfrage, ob sie nach meinem Gepäck nun auch noch die Buchung verhühnert hätten, schloss die Dame beleidigt den Schalter. 

Ich solle mich doch woanders wieder hinten anstellen, sie sei hier nur für Passagiere der Lufthansa zuständig - eine glatte Lüge, denn die beiden soeben abgefertigten Schweizer flogen auch mit Air Berlin (oder eher Meridiana, Code Sharing ahoi). Wegen dieser Kombination von Lüge und Service-Verweigerung deckte ich die Dame mit einer unfreundlichen Tirade ein, was bereits reichte, um die Security des Fluhafens in Bereitschaft zu versetzen. Immerhin schaltete ein Angestellter des Flughafens Olbia schnell, bat mich an seinen Schalter und fragte zuerst mal, was die Szene solle. 

Falls jemand mal bei den Gates C in Roma Fiumicino stranden sollte:
In der Snackbar spizzico hat es einige, wenige Steckdosen.

Die Zugabe: Umzingelt von Kleinkindern
Ich erklärte ihm, was bereits alles schief gelaufen sei mit dem Gepäck, worauf er mir erklärte, woran es in Rom haperte. Während er das tat, checkte er mich ein - schnell und unkompliziert, he could-ah find-ah me in-ah da system. Und wünschte mir noch eine gute Heimreise. Am Safety Check waren die Leute anders als in Zürich zuvorkommend, bloss zeigte sich dann am Gate schon das nächste Elend: Der Anteil an Kleinkindern an den Passagieren war schon hoch, dazu kamen noch zwei Geschwister im Primarschul-Alter, die sich schon am Gate bis aufs Blut plagten. 

Als ich als einer der letzten Passagiere den Flieger bestieg, sah ich mich in Reihe 3 prompt von Kleinkindern umzingelt: Links vor mir, links und neben rechts neben mir. Und dass Flugreisen für diese eine Zumutung sind, lassen sie einen bekanntlich nicht in Form von Blog-Einträgen wissen, leider. Immerhin schüttete mir der Kleine zu meiner Rechten kein Getränk über den Laptop, und es kam auch nicht zu einem angereicherten Bäuerchen. Dank iPod bekam ich zudem vom Geheul um mich herum nicht so viel mit. Dafür von den beiden sich plagenden Geschwistern, die eine Reihe hinter mir sassen und sich gegenseitig auch im Flieger das Leben zur Hölle machten, mit dem Landeanflug als Höhepunkt des geschwisterlichen Piesackens, frustrierte Tritte in meinen Stuhl inklusive. Ungezogene Saubratzen (und überfordertes Mami, nebenbei)!

Ohne schwachsinnige Umwege kommt auch das Gepäck an:
Baggage Claim am Flughafen Zürich, Sonntag Nachmittag.

Das Gepäck kam diesmal immerhin an, doch im Flughafen-Coop wurde prompt nochmals eine Kasse vor meiner Nase geschlossen, und der erste Ticket-Automat der SBB, den ich ansteuerte, war auch defekt. Reichlich genervt verbrachte ich die letzte Viertelstunde (nein, 20 Minuten - wegen Bauarbeiten stand der Zug noch 5 Minuten im Bahnhof Bassersdorf) in der S-Bahn nach Winterthur. 

Mein Fazit: Reisen im Sinne von "von A nach B gelangen" ist eine Qual, die man nur darum auf sich nimmt, weil das Ziel es Wert ist (und ja, Sardinien war die Reise Wert). Wer was anderes behauptet, ist entweder Masochist oder sitzt in der Business Class oder auf einem Kreuzfahrtschiff. Aber sicher nicht in der Economy-Class eines unsinnige Umwege fliegenden Billigfliegers.

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